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Einsatz am Ende der Welt
Der kleinste Flügelschlag
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Die drei Brüder
Der Mönch - 2-Minuten-Geschichte
Das äußere Gefängnis - 2-Minuten-Geschichte
Der Stammgast - 2-Minuten-Geschichte
Einsatz am Ende der Welt
Einsatz am Ende der Welt

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Der kleinste Flügelschlag
Der kleinste Flügelschlag

Text: Janette Harms Foto: Larisa Koshkina auf www.pixabay.com

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Der Stammgast
Der Stammgast

Text: Janette Harms Foto: aiacPL auf www.pixabay.com

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Einsatz am Ende der Welt
Einsatz am Ende der Welt

Text: Janette Harms Foto: Johannes Pleino von www.pexels.com

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Längere-Pausen-Geschichten

Die Bilder in den Büchern

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Das kleine Mädchen blickte aus dem Fenster und fragte sich, warum die Straßen nicht so weiß waren, wie in den Büchern, die ihre Großmutter ihr geschenkt hatte. Sie hatte die Tage gezählt. Und eigentlich sollte genau heute die ganze Stadt weiß werden. Doch die Welt vor ihrem Fenster war so grau, wie die Tage zuvor.

​„Wenn die Welt nicht weiß wird, dann finde ich heute Abend vielleicht ein kleines Päckchen vor meiner Tür.“, dachte sich das kleine Mädchen, denn auch das hatte sie in den Büchern gesehen. Ein dicker und roter Mann würde an die Tür klopfen und eine bunte Schleife würde das Geschenk zieren.

Und so wartete das kleine Mädchen bis es dunkel wurde. Doch es klopfte niemand. Sie ging ab und an vor die Tür, um nach zu schauen, doch sie fand nur den grauen Sand, der seit Tagen schon vor der Tür lag.

​„Wenn ich kein Päckchen finde und die Welt nicht weiß geworden ist, dann sehe ich vielleicht einen wunderschön geschmückten Baum auf dem Marktplatz.“, dachte das kleine Mädchen hoffnungsvoll. Und so ging sie durch die Straßen und suchte den Baum. Doch es war dunkel und grau und alle Bäume, die sie fand, lagen kaputt auf den Wegen der kleinen Stadt.

 

Als das Mädchen wieder zu Hause war, schaute sie sich die Bücher ihrer Großmutter noch einmal genau an. Dort waren singende glückliche Menschen zu sehen. Und jetzt fiel dem kleinen Mädchen auch wieder ein, warum an dem heutigen Tag nichts von dem passiert war, was in dem Buch stand.

 

„Es gibt hier niemanden mehr, der die Welt weiß machen, ein Päckchen vorbei bringen, einen Baum schmücken, singen und lachen kann.“, dachte das kleine Mädchen traurig. Und so blickte sie wieder aus dem Fenster und dachte lange nach. Als sie schon fast eingeschlafen war, erinnerte sie sich, dass im Schrank ihrer Großmutter noch etwas weiße Farbe und schöne bunte Kugeln lagen.

​„Wenn niemand da ist, der die Geschichte aus dem Buch wahr machen kann, dann muss ich das wohl selbst machen“, dachte sich das kleine Mädchen. Und so ging sie durch die Stadt, malte alles weiß an, schmückte einen kleinen Baum mit den schönen bunten Kugeln und sang ein Lied, das sie in den Büchern gelesen hatte. Sie lächelte und als sie wieder zu Hause angekommen war, lag ein kleines Päckchen mit einer bunten Schleife vor der Tür.

 

Neugierig machte sie das Päckchen auf und fand darin ein neues Buch. In dem Buch war ein kleiner Hase abgebildet, der viele bunt bemalte Eier versteckte. Und so blickte das kleine Mädchen wieder aus dem Fenster und zählte die Tage bis die Welt grün werden würde und ein Hase vorbei käme, der dann die schönen Eier versteckte.

Hinter der Welt - Längere-Pausen-Geschichten

Die Berührung des Lebens

Dort, wo die Flüsse der Welt dem Himmel entspringen, trafen sie sich einst – die Götter der Welt. Sanft reichten sie sich die Hände und in dieser ersten Berührung ihrer weißen Finger, lag der Grundstein aller Existenz. Während sie einander gegenüberstanden und ihre Seelen in die der anderen hinein fließen ließen, sinnierten sie über die Bilder, die heute schon längst der Vergangenheit angehören. Ihre bunten Gewänder umspielten einander, als sie die Grundzüge der Welt aneinander fügten und ihre Stimmen sangen eine leise Melodie dazu, die das Aufgehen der Morgensonne begleitete. Sie formten die Welt so akkurat, als würden sich Schneeflocken zu einem weißen Teppich vereinigen, wenn ihnen genügend Zeit zum Ruhen blieb. Liebevoll legten sie Stein an Sandkorn und ließen klare Bäche reines Leben zu bunten Blüten bringen.

Die Götter wogen sich zum Flüstern des Windes und ihren Herzen entsprangen kleine flammende Funken, die zum Boden hinab schwebten. Als diese Lichter die Erde berührten, regten sich winzige Lebensgeister auf der Suche nach einer schützenden Hülle. Sobald sie ihren Platz gefunden hatten, erhob sich ein Schwarm flirrenden Lebens und stieg in abertausenden Schmetterlingen, Vögeln und Insekten zum Himmel hinauf. Weit spannten sie ihre Flügel und ließen sich in kleinen Schleifen durch die erwachende Welt gleiten.

Als die Götter sich nun immer leidenschaftlicher umeinander schlangen und mal ganz nah, mal weit voneinander entfernt, ihre Gedanken zuhauchten, fiel der erste Regen. In jedem Tropfen spiegelte sich eine noch kleinere Welt und ihre Hülle schien an die alten Mächte und deren Zerbrechlichkeit zu erinnern. In dem Augenblick, als die Tropfen ihre Form aufgaben, hielten die Götter in ihren Bewegungen inne und blickten auf die Erde hinab. Dort wandelte sich alles nun viel langsamer, sodass jede noch so kleine Wandlung im Morgenlicht erstrahlte. So sahen sie, wie sich aus den schimmernden Flügeln der Schmetterlinge allmählich winzige Arme und Beine formten und sich überall neue Lebensgeister regten, die nun mit einer neuen Hülle ihre ersten Schritte gingen. Immer mehr Wesen erhoben sich aus den kühlen Schatten mächtiger Bäume und ließen ihre Spuren auf dem noch frischem Boden zurück.

Zufrieden wandten sich die Götter wieder einander zu und schlossen sich zu einem hellen Kreis. Daraufhin fühlten sie Wogen der Kraft in sich entstehen, bäumten sich auf und sammelten all ihre Macht für den letzten Schritt. In dem Moment als die Götter ineinander versanken, durchfuhr ein silberner Blitz die Welt unter ihnen und teilte den Boden in viele kleine Lebensflächen. Ein kraftvoller Fluss floss in die nun entstandenen Risse hinein und verband alle Lebensgeister miteinander. Seither nennt man ihn den Quell allen Lebens.

Lange Zeit nährten sich die Lebensgeister aus diesem Quell und begannen die Welt um sie herum zu entdecken. Bald darauf wuchsen überall kleine Höhlen und Feuer an den Stellen, wo sich einige der Wesen niedergelassen hatten. Ab und an löste sich ein Funke von ihnen und wenn dieser einen anderen Funken fand, formten sich aus ihrer Berührung neue Wesen und Lebensgeister. Noch lang suchten und fanden sich die Funken unter der Verschmelzung der Götter, bis jeder dem ihm zugetanen Platz auf der Welt gefunden hatte. Die ersten Wesen waren bald zufrieden mit ihrem Platz und Dasein und lebten friedlich in der Welt.

Doch die Lebensgeister, die sich aus den ersten geformt hatten, nahmen etwas wahr, dass den anderen nicht möglich war. Sie ließen den Blick über die Welt schweifen und ahnten ganz leise, welche Wunder hinter der goldenen Linie wuchsen, die wir heute Horizont nennen. Diese kleine Ahnung sollte bald zu einem Weg wachsen, der heute als Entwicklung der Lebensgeister bekannt ist.

 

Zu dieser Zeit erhoben sich auch bisher unbekannte Mächte aus dem Erdboden. Zunächst traten sie sich vorsichtig gegenüber, blickten lang ineinander hinein und erkannten, dass sie nur ihre Gegensätzlichkeit verband. Mit dieser Einsicht gingen sie sich fortan aus dem Weg und berührten sich nur noch in besonderen Momenten. Denn dort, wo einer von beiden nahm, gab der andere und umgekehrt. Sie trennte nur ein flüchtiger Augenblick voneinander, jedoch war dieser lang genug, sodass sie sich nie wieder in die Augen blicken würden.

Aus ihnen wuchsen Licht und Schatten, welche ebenso getrennte Wege gingen. Das Licht, welches aus dem Leben entstanden war, leitete die Lebensgeister und führte sie zu neuen Orten in der Welt. Der aus dem Tod entstandene Schatten jedoch, bedeckte die nun verlassenen Plätze mit Dunkelheit und ließ die Lebensgeister ihre Herkunft vergessen. So blieb es bis heute. Nur da, wo Licht in Schatten überging, gelang es den Lebensgeistern einen Teil ihrer Spuren zu bewahren. Somit fanden auch das Zwielicht und die Mystik ihren Platz in der Welt.

Während das Spiel zwischen Leben und Tod und Licht und Schatten auf ewig fort währte, veränderte sich die Welt stetig und wurde größer und detaillierter. Das, was gestern noch als vertraut galt, floss kurz darauf schon im Fluss der Vergänglichkeit dahin. Es gab nur Eines, dass sich bis heute nicht verändert hat und auch erst eine andere Form annehmen wird, wenn sich die Götter zu ihrem letzten Tanz erheben. Dieses Etwas ertönte mal ganz sanft und leise, mal wuchs es zu stürmischen Böen und manchmal schien es gar nicht da zu sein. Doch unabhängig von seiner Form, leitete es die Lebensgeister und gab der Welt ihre Richtung und ihren Ursprung. Es trotzte allen Donnern und Unwettern, wandelte an den Grenzen des Nichts entlang und begründete den Anfang aller Wunder in der Welt. Oft ist es kaum wahrzunehmen, versinkt in den Tönen der Welt, doch manchmal, wenn das Leben der Welt für kurze Zeit schweigt, ist er zu hören – dieser dumpfe stetige Herzschlag des Lebens.

An einem dieser Augenblicke, als Stille die Welt umfasste, drang dieser Ton an das Ohr des einzigen Wesens, das heute noch dazu in der Lage ist, ihn wahrzunehmen. Der Weltenwanderer Kilian. Und er war es auch, der den anderen Lebensgeistern wieder zeigen konnte, den Herzschlag der Welt zu spüren und sich von ihm leiten zu lassen.

Lang war er schon auf der Welt gewandelt und hatte deren Schönheit auf sich wirken lassen. Mit aufrechtem Gang und klarem Blick hatte er sie bis in die verstecktesten Ecken hinein erkundet und gesehen, wie weit sie sich noch entfalten würde. In seinen Augen glichen die Blütenblätter und alten Bäume einem perfektem Zusammenspiel zwischen Schönheit und Wachstum. Und auch die Lebensgeister fügten sich nahtlos in den Kreislauf der Welt, sie bereicherten ihn sogar. All die Jahre des Beobachtens hatten ihn das Wesen der Welt tief verstehen gelehrt und oft schöpfte er Hoffnung, als er sah, wie viel Potential in den Lebensgeistern verborgen lag. Zufrieden gedachte er dem ersten Tanz der Götter, welcher solch vollkommenes Leben geboren hatte. Kilian lächelte oft in dieser Zeit und erfreute sich der Entfaltung des Bewusstseins der Lebensgeister. Es schien alles einen guten Weg einzuschlagen.

Doch bald darauf wurde aus Kilians Lächeln Traurigkeit, als er sah, dass die Lebensgeister erkannten, welche Macht sie hatten. Sie waren die am weitesten entwickelte Lebensform und so machten sie von ihrem Vorteil rücksichtslos Gebrauch. Der Weltenwanderer sah Mächte kommen und gehen und erkannte bald, dass der Weg, den das Leben auf der Welt eingeschlagen hatte, nur zum bitteren Ende führen würde. Oft fielen stumme Tränen auf die verdorrten Spuren, die die Wesen hinterließen. Da, wo sie auf die Erde trafen, wuchsen Samen der Erkenntnis, dass die Lebensgeister ihren Ursprung längst vergessen und die Schatten sich zu weit ausgebreitet hatten. Kilian konzentrierte nun mit all seiner Macht darauf, das Gleichgewicht zwischen Licht und Schatten wieder herzustellen, doch die Lebensgeister schienen ihm immer um Längen voraus zu sein. Das Leben auf der Welt hatte mittlerweile eine nicht mehr zu kontrollierende Geschwindigkeit erreicht und so gab sich der Weltenwanderer geschlagen. Er suchte noch lang nach Orten auf dieser Welt, an denen eine Rückkehr zu den Wurzeln noch möglich war, doch die modernen Erfindungen der Lebensgeister übertönten den tiefen Ton, der jahrelang so zuverlässig die Welt geleitet hatte, und so gab Kilian seine Suche auf. Er zog sich aus der Welt zurück und wurde nur noch dann gesehen, wenn ein aussichtsloser Krieg beendet oder goldene Samen der Zuversicht gesät werden mussten.

Als nun die Welt für kurze Zeit schwieg, lag Kilian flach auf dem Erdboden am Ufer des Quell allen Lebens und hatte sein Ohr auf die Erde gelegt. Mit geschlossenen Augen versuchte er die Worte des Flusses auszublenden und sich ganz auf den Ton der Welt zu konzentrieren. Er war schon lang nicht mehr an dieser Stelle gewesen, denn das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod war immer unausgewogener geworden, sodass all seine Kräfte sich die letzten Jahre darauf konzentriert hatten. Nun nahm er mit erschrockenem Herzen wahr, wie langsam der Herzschlag des Lebens geworden war. Eine kleine glasklare Träne fiel auf die Erde als Kilian verstand. Der zerstörerische Weg, der vor langer Zeit seinen Anfang genommen hatte, näherte sich unaufhaltsam seinem Ende und es blieben nicht mehr viele Möglichkeiten, ein gutes Ende zu erwirken.

Licht und Schatten hatten sich immer mehr zueinander hin gezogen und es brauchte nicht mehr viel, bis die Welt unter dem Mantel des Zwielichts verschwand. Danach würden die Lebensgeister einen anderen Nährboden finden müssen, falls sie das Ende überlebten. Doch noch war es nicht zu spät, um die Wesen zu retten und obwohl der Weltenwanderer sehr enttäuscht und verletzt von ihrer Entwicklung war, bedeutete ihm das Leben auf dieser Welt sehr viel und schlug wie ein zweites Herz in seiner Brust. So fühlte er noch einmal tief in den Herzschlag des Lebens hinein, bevor er sich für das Notwendige vorbereitete. Es stand fest. Es war nun an der Zeit sich auf den letzten Tanz der Götter vorzubereiten.

Zerrissen in Traurigkeit und Hoffnung wandte sich der Weltenwanderer hin und her, ließ den Wind peitschen und Meere sich zu gewaltigen Wogen aufrichten. Laute Klageschreie klangen schrill den Quell des Lebens hinab und Kilian konzentrierte sich gänzlich darauf, die Lebensgeister wieder an ihre Wurzeln zu erinnern. Gigantischen Luftwellen gleich strömten die Schreie den Quell allen Lebens hinab und jeder Lebensgeist, der von ihnen berührt wurde, erwachte. Ihr Bewusstsein klärte sich auf und ihre Glieder reckten und streckten sich, so wie sie es seit dem Beginn ihrer Existenz nicht mehr getan hatten. Ihr Herz öffnete sich und fühlte sich endlich wieder mit dem Herzschlag des Lebens verbunden. Als würden sich die Lebensgeister aus einem steinernen Kokon befreien, erhoben sie sich und sahen ihre letzten Schritte auf dieser Welt ganz klar vor Augen. Sie erinnerten sich nun wieder, wie sie auf diese Welt gekommen waren und was sie tun mussten, um unbeschadet in die nächste Welt zu gehen.

Während sich die Welle des Erwachens unaufhaltsam ihren Weg durch die Herzen der Lebensgeister bahnte, stand Kilian zitternd am Ufer des Quell allen Lebens und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen.Er wusste nicht, ob es funktioniert hatte, doch es waren die letzten Kräfte gewesen, die er noch in seinem Inneren gehütet hatte. Für ihn blieb nur noch eine letzte Aufgabe auf dieser Welt. Er musste zu den anderen Göttern zurückkehren und die letzten Schritte mit ihnen gemeinsam gehen. Sein letzter Blick währte noch einige Jahrzehnte auf den erwachendenen Lebensgeistern und er sah ihre Bemühungen. Wie sie mit angestrengten Mienen der Natur um sie herum wieder mehr Raum ließen und rückgängig zu machen versuchten, was zu zerstörerisch gewesen war. Sie hatten jedoch im Laufe ihrer Existenz zu tiefe Narben im Boden der Welt hinterlassen und so weinten und flehten sie, als sie das Ausmaß ihres Lebens erkannten. Als ihnen keine Wahl mehr blieb, fielen sie auf die Knie und wandten ihre Herzen hilfesuchend zum Himmel. Als Kilian durch die goldene Pforte schritt, galt sein letzter Gedanke der Hoffnung, dass der letzte Tanz gelingen möge.

 

Kurz bevor die Götter die erste Bewegung ihrer letzten vollführten, erwachte auch der letzte Lebensgeist. Alt war er und lang hatte er zurückgezogen am Quell allen Lebens geruht. Doch nun an dem Ort, wo der Fluss im Nichts versiegte, spürte er enorme Kräfte in sich, die sich all die Jahrhunderte des Ruhens über verstärkt hatten. Er öffnete sich und schloss mit seiner Existenz ab, denn das, was nun folgen würde, würde seine sterbliche Hülle nicht überleben.

Gerade als die Götter mit ihren Händen zu Boden schwangen, fuhr ein gewaltiger Windhauch durch die Welt und der letzte Lebensgeist stieg in Form eines Funkens hinauf. Mit immer schnelleren und ekstatischeren Bewegungen verfielen die Götter in Trance und immer mehr Funken und Geister stiegen zu ihnen hinauf. Ihre Leiber warfen sich hin und her und einem Wirbelsturm gleich, wich tosend alles Leben aus der Welt, sodass in dem Moment, in dem die Götter ihre letzte Bewegung vollendeten, auch der letzte Funken die Erde verließ. Schatten und Licht wurden eins und das Spiel von Leben und Tod war zu Ende. Der zuvor so schnell, wie die Flügel eines Kollibris, schlagende Herzschlag der Welt verhallte mit einem letzten Schlag und die Götter erstarrten in ihrem Tanz. So still war es nie zuvor gewesen. Nichts regte sich und kein Laut drang durch die Welt.

Die Götter verließen diese Welt und nahmen die Funken der Lebensgeister mit sich, um sie mit einem neuen Tanz in einer anderen Welt auf die nächste Stufe ihrer Entwicklung zu führen. Verlassen und leblos lagen ihre Spuren auf dieser Welt und nur die Stille blieb als Zeuge ihrer Existenz zurück.

 

Während die Götter anderswo Jahrtausende später erneut ihren letzten Tanz vollführten, regte sich plötzlich etwas auf der verlassenen Welt. Es war mit dem Auge kaum zu erkennen und doch wuchs es. Sanft breitete es seine Flügel aus. Vorsichtig berührte eine Zehenspitze den Boden und zarte Finger stießen zaghaft einen Windhauch an. Ein goldenes Licht breitete sich aus und silberne Blütenblätter schwebten eine Handbreit über dem Horizont. Augen hauchten Farben in die entstehenden Dinge und kunstvolle Gebilde formten sich. Diese Formen erinnerten an längst vergangene Lebensfunken und geisterhafte Wesen schwebten durch die Welt. Nur schemenhaft ließen sich Flüsse erahnen und unbekannte Blüten regten sich. Nach und nach wuchs ein goldener Teppich aus kleinsten Blumen und Halmen und bald war nichts mehr von den alten Spuren zu erkennen.

Als die Vergangenheit nun gänzlich mit einer neuen Hülle bedeckt war, erhob sich deren Ursprung und spannte seine Flügel. Mit langsamen Bewegungen kreiste es umher. Kleine Regenbogen verbanden seine Hände und begleiteten seinen einsamen Tanz. Es flog hier und dorthin, wandte sich um und stieg hinauf. Es vollendete seine Bewegungen und gleichzeitig gingen sie in neue über. Es wirbelte immer mehr herum und senkte schließlich seinen Mund zu einer mit schimmernder Flüssigkeit gefüllten Rinne hinab. Es blickte tief in das Wesen der Welt hinein und erkannte deren Schmerz und Traurigkeit. Als seine Lippen schließlich den goldenen Horizont berührten, heilte es damit die Welt und befreite sie von ihrer Last.

Dieser Kuss besiegelte sein Werk. Es hatte endlich seinen Platz gefunden und würde nun auch von seiner Vergangenheit Abschied nehmen. All die Jahrtausende hatte es die Welt begleitet, hatte die Götter tanzen und die Lebensgeister schweben sehen. Es war dort gewesen, wo der Weltenwanderer dem Herzschlag des Lebens am nächsten gewesen war und hatte die aufsteigenden Funken verblassen sehen. Nachdem es gewartet hatte, bis auch der letzte Herzschlag verstummte und die Stille die Welt bewohnte, war der Augenblick gekommen. Als es sich entfaltete und seine Seele die Erde mit neuer Kraft erfüllte, hatte es seinen Anfang genommen. Das reine ruhende Leben an sich, dass nie vergehen und noch solang die Spuren bedecken und heilen wird, bis das Nichts seinen letzten Tanz getanzt hat.